Der emeritierte Zürcher Finanzprofessor Marc Chesney warnt in einem Interview mit Infosperber vor den systemischen Risiken der globalen Finanzwirtschaft. Laut Chesney gefährdet sich das Finanzsystem durch seine eigene Dynamik selbst, wobei eine Kombination aus massiver Vermögenskonzentration, weit verbreiteter Armut sowie enormen privaten und öffentlichen Schulden bestehe. Er beschreibt die aktuelle Situation als eine undurchsichtige und komplexe "Finanzcasino-Wirtschaft", in der riskante Wettgeschäfte die Stabilität bedrohen.
Besondere Aufmerksamkeit widmet Chesney dem Sektor der Schattenbanken, in denen heute mehr als die Hälfte des weltweiten Finanzvermögens angelegt wird. Da reguläre Grossbanken nach der Krise 2008/2009 strenger reguliert wurden, sei das Kapital in diese kaum regulierten Bereiche geflohen. Chesney kritisiert, dass Parlamente und Regierungen das Problem nicht ernst nehmen und sich auf beruhigende Aussagen aus dem Finanzsektor verlassen, während Lobbygruppen ernsthafte Regulierungen verhindern.
Ein zentrales Risiko stellt der automatisierte Hochfrequenzhandel mit Aktien und gehebelten Derivaten dar, der vor allem von Schattenbanken betrieben wird. Chesney argumentiert, dass der volkswirtschaftliche Beitrag dieser Aktivitäten nicht nur null, sondern faktisch negativ sei, da toxische Finanzprodukte die gesamte Architektur gefährden. Als Lösung schlägt er eine Mikrosteuer von beispielsweise 0,1 Prozent auf elektronische Finanztransaktionen vor, um diesen Handel unrentabel zu machen.
Das grösste Risiko für die Allgemeinheit sieht der Professor in einem möglichen Dominoeffekt. Sollte eine grosse Institution des Schattenbankensektors bankrottgehen, könnte dies eine Kettenreaktion auslösen, da viele reguläre Banken Kredite an Schattenbanken vergeben haben. Im Falle von Zahlungsausfällen müsse letztlich der Steuerzahler für die Risiken dieses undurchsichtigen Sektors aufkommen, während die Politik die Lage bis zum Schluss beschönige.


